Psychoanalyse
Sigmund Freud
Unbewusstes, Abwehr und die Kraft des Gesprächs
Die Idee
Freud begründete um 1900 in Wien die Psychoanalyse. Er ging davon aus, dass vieles von dem, was wir fühlen und tun, von Wünschen, Ängsten und Erinnerungen beeinflusst wird, die uns nicht bewusst sind, und dass das Aussprechen dieser Zusammenhänge entlasten kann.
Was heute noch trägt
Dass nicht alles, was uns lenkt, bewusst abläuft, ist in der Psychologie heute breit anerkannt, auch wenn es meist anders erklärt wird als bei Freud. Ebenso die Beobachtung, dass Menschen unangenehme Gefühle abwehren, etwa indem sie etwas ausblenden oder sich nachträglich rechtfertigen, und dass frühe Beziehungserfahrungen nachwirken können. Heutige psychodynamische Therapien führen diese Gedanken weiter, und für sie gibt es Wirksamkeitsstudien.
Was als überholt gilt
Die feste Abfolge psychosexueller Entwicklungsphasen, der Ödipuskomplex als allgemeingültiges Muster, die Deutung fast aller Träume als verkleidete Wunscherfüllung und viele seiner Aussagen über Frauen gelten heute als nicht haltbar oder als Ausdruck ihrer Zeit.
Was kritisch gesehen wird
Viele seiner Annahmen lassen sich kaum überprüfen, weil sie fast jedes Verhalten im Nachhinein erklären können; der Philosoph Karl Popper nannte die Psychoanalyse deshalb nicht widerlegbar. Seine Fallgeschichten beruhen auf wenigen Menschen und auf seinen eigenen Aufzeichnungen. Um 1896 sah er Missbrauch in der Kindheit zunächst als Ursache vieler Beschwerden an und gab diese Erklärung etwa ein Jahr später weitgehend auf. Warum, und ob Missbrauch dadurch lange zu wenig ernst genommen wurde, ist bis heute umstritten.
Was wir daraus mitnehmen können
Wenn sich etwas immer wiederholt, obwohl du es anders willst, hilft Neugier oft mehr als Selbstvorwurf. Ein Muster kann einmal einen Sinn gehabt haben, ohne dass du es behalten musst.
Was vermeide ich gerade, und wovor schützt mich dieses Vermeiden vielleicht?
Freuds Begriffe eignen sich nicht dazu, andere Menschen zu deuten oder sich selbst eine Diagnose zu stellen.
Quelle: Sigmund Freud Museum Wien ↗Kritik und Einordnung: Internet Encyclopedia of Philosophy ↗Übersichtsarbeit: Shedler, American Psychologist 2010 ↗Kurs, Tag 4: Was ich vermeide